BSZ Bayerische Staatszeitung, 9. Januar 2009 - www.von-de-fenn.eu 

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BSZ Bayerische Staatszeitung, 9. Januar 2009

Jörg von de Fenn verlor vor 18 Jahren sein Augenlicht — Der Sport hat ihm geholfen, dem Leben wieder eine schöne Seite abzugewinnen

Ein Blinder will den Kilimandscharo bezwingen

Natürlich könnte Jörg von de Fenn den ganzen Tag in seinem Wohnzimmer im bayerischen Memmingen verbringen. Im Lehnstuhl sitzen, nach vorn und nach hinten wippen, und stundenlang darüber grübeln, weshalb das Schicksal ausgerechnet ihn so vehement am Kragen gepackt hat. Seine Bekannten würden Verständnis dafür haben.

Einem 39-jährigen blinden Mann kann man keinen Vorwurf machen, wenn er Trübsal bläst. Aber Jörg von de Fenn sitzt nicht dauernd zu Hause, sondern treibt Sport, so oft es ihm die Zeit erlaubt. Joggen, Inlineskaten, Bergsteigen — diese Art der Medizin, sagt von de Fenn, hilft am besten. Der Mann hat seine schlimmsten Momente hinter sich. Jene Zeit, als von heute auf morgen nichts mehr so war wie zuvor und sein Augenlicht mit einem Mal ausgeknipst wurde. So wie man das für gewöhnlich mit der Lampe eines Zimmers macht.

 

Jörg von de Fenn beim skaten

 

Als er 21 Jahre alt war, begann für Jörg von de Fenn das Leben in der Dunkelheit. Und doch gibt es für ihn auch heute noch jede Menge an Lichtblicken. Zum Beispiel dieser: Er will im Januar den afrikanischen Kilimandscharo besteigen. Ein Blinder auf dem Weg zu einem Berggipfel, der in 5895 Metern Höhe liegt. Selbstüberschätzung? Ein Abenteuer mit Selbstmordgarantie? „Nein, überhaupt nicht“, antwortet Jörg von de Fenn auf solche Fragen. Er fühle sich gut und in Form. „Ich traue mir das zu.“

Sorgen macht sich der 39-Jährige vielmehr um seinen Begleiter, der ihm den Weg weisen muss. Der schauen soll, dass von de Fenn nicht an einer falschen Stelle auftritt. Ursprünglich geplant war die Tour auf Afrikas höchsten Berg für Herbst 2008. Doch dann erkrankte sein Begleiter kurz bevor es losging. Pech, meint Jörg von de Fenn. Er hoffe, dass der Bergführer diesmal etwas fitter ist.

 

Und Jörg von de Fenn, der zwar sein Augenlicht verloren hat, aber nicht seinen mitunter trockenen Humor, fügt hinzu: „Er muss ja nicht soviel machen — nur gucken und laufen. Den Rest mach' ich alleine.“ So wie vor wenigen Jahren, als er den Großglockner bezwang — immerhin 3800 Meter hoch. Oder den Hohen Dachstein in Österreich — 2995 Meter hoch.

Den Großglockner hat der 39-Jährige schon erklommen

Von de Fenn, Sportler mit ganzem Herzen, ist auch deutscher Meister im Marathon-Speedskating für Blinde und Sehbehinderte. Wenn man dem Mann gegenübersitzt und zuhört, wie er vom Leben in der Dunkelheit erzählt, hat man das Gefühl, dass da wieder einer in seiner Mitte angekommen ist. Er hat lange dazu gebraucht. Denn vor 18 Jahren war Jörg von de Fenn am Ende. Als ob er mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Wand geknallt wäre. Von heute auf morgen entzündeten sich seine Sehnerven und konnten nicht mehr ausreichend durchblutet werden.

 

Die Frage nach dem Warum vermochten die Ärzte nicht zu beantworten. Und sie konnten diesen Prozess auch nicht stoppen. Jörg von de Fenn verlor sein Augenlicht. „Ein Schicksalsschlag, an dem man verzweifeln kann“, sagt er. Sein Leben änderte sich radikal. Die Ausbildung zum Koch musste er abbrechen. Es begann jene Zeit, in der er sich zahlreiche Beulen und blaue Flecken zuzog, weil er dauernd irgendwo dagegen stieß. In der er auch die Punktschrift für Blinde und den Umgang mit einer Spezialschreibmaschine erlernen musste. „Die ersten Jahre waren sehr schwierig“, erinnert sich von de Fenn.

 

„Ich hätte meine Schreibmaschine am liebsten aus dem Fenster geschmissen.“ Er hat es nicht getan. Irgendwann fasste er den Mut, Sport zu treiben. Ohne etwas zu sehen. Als Blinder zu laufen oder zu skaten ist keine Selbstverständlichkeit. Der innere Schweinehund, den man überwinden muss, ist zunächst so groß wie der Großglockner hoch ist. Oder der Kilimandscharo. Jörg von de Fenn hat die Hürde übersprungen.

Und er hat mithilfe des Sports sein Lebensglück wiedergefunden. Ein Lebensglück, an dem auch eine Frau teilnimmt. Gerlinde heißt Jörg von de Fenns Ehefrau. Er hat sie kennen gelernt, als er bereits blind war. Natürlich merkt er, wie sein Gegenüber stutzt, als er die Geschichte mit seiner Frau erzählt, die er noch nie gesehen hat, und erklärt: „Man kann auch mit dem Herzen sehen und sich verlieben.“ Und immerhin: Von einem falschen Lächeln könne sich einer wie er nicht täuschen lassen, sagt Jörg von de Fenn — und schmunzelt.

FREDDY SCHISSLER

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