Memminger Zeitung, 17. November 2008 - www.von-de-fenn.eu 

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Memminger Zeitung, 17. November 2008

Ein Blick in die Welt der Blinden

Schule Behinderter Sportler zeigt Kindern die Punktschrift und spricht über seinen Alltag

Von Frank Eberhard | Memmingen

Die Kinder der Klasse 6c der Lindenschule kramen ihre Notizblöcke und Stifte raus. Jeder hat einen Zettel vor sich liegen, auf dem nur Punkte zu sehen sind, die sich leicht vom Papier abheben — Blindenschrift. Die Schüler versuchen, die Punkte zu entziffern. Als Hilfe benutzen sie ein Blatt Papier, auf dem eine Übersetzung der Blindenschrift-Buchstaben steht. Einige der Elf-, Zwölf- und Dreizehnjährigen ertasten die einzelnen Buchstaben, andere vergleichen die Anordnung der Punkte mit den Augen.

 

Hintergrund der Aktion ist ein Besuch des blinden Sportlers Jörg von de Fenn aus Amendingen. Er zeigt den Kindern die Punktschrift anhand verschiedener Beispiele. So hat er eine Medikamentenpackung dabei, die auch für Blinde beschriftet ist. Außerdem lässt er eine CD der Gruppe Scorpions rumgehen, auf der ihm ein Aufkleber in Blindenschrift den Titel der Scheibe verrät.

 

Die eigene Frau noch nie gesehen

Von de Fenn stellt sich aber auch den zahlreichen Fragen der Schüler. «Gehen Sie alleine einkaufen?», will einer von ihnen wissen. «Nur selten, sonst räume ich den ganzen Laden auf», antwortet der 39-jährige scherzhaft. Lieber gehe er zusammen mit seiner Frau einkaufen. «Haben Sie Ihre Frau denn schon mal gesehen?», will ein anderer wissen.

 

«Nein», lautet die Antwort. Von de Fenn hat sie erst kennengelernt, als seine Sehnerven bereits nicht mehr durchblutet wurden. Damals war er 21 Jahre alt. «Wie sind Sie denn darauf gekommen zu heiraten, wenn Sie sie noch nie gesehen haben?», hakt ein anderer Schüler nach. «Man muss jemanden dafür nicht sehen», erwidert von de Fenn. «Das wichtigste an einem Menschen sieht man sowieso mit dem Herzen», ergänzt Klassenlehrer Michael Vogt.

 

Dann zeigt von de Fenn der Klasse seine Uhr, die er öffnen kann, um die Position der Zeiger zu ertasten. «Cool», raunt es durch die Reihen der jungen Zuschauer. Lustig finden sie seinen Wecker, bei dem ihm eine Frauenstimme die Uhrzeit ansagt. «Die brüllt mich jeden Morgen an», scherzt von de Fenn.

Im Anschluss an die Fragestunde schlägt die elf Jahre alte Verena ein Spiel vor: Einem Kind sollen die Augen verbunden werden, und seine Klassenkameraden führen es, wie einen blinden Menschen. Gesagt, getan. Die Idee wird im Pausenhof in die Tat umgesetzt. Verena führt von de Fenn die Treppen hinunter. Das läuft routiniert ab, denn die beiden kennen sich bereits. So war die Schulaktion auch die Idee der Elfjährigen. Ihr Vater Theo Frommlet ist von de Fenns Trainingspartner. Er begleitete ihn auch, als von de Fenn die deutsche Meisterschaft im Marathon-Speedskating für Blinde und Sehbehinderte gewann (wir berichteten).

 

«Unsere Köpfe 2008» Jörg von de Fenn ist Gast beim MZ-Jahresrückblick am Mittwoch, 3. Dezember, 20 Uhr, im Maximilian-Kolbe-Haus. Karten für die Veranstaltung gibt es bei der Memminger Zeitung in der Donaustraße.

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