Memminger Zeitung, September 2000 - www.von-de-fenn.eu 

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Memminger Zeitung, 30. September 2000

Ein Stück Freiheit zurückgewonnen

Blinder Jörg von de Fenn klettert auf Großglockner

Memminger Zeitung

Wie er so am Tisch sitzt, seinen Cappuccino trinkt und erzählt, ist nichts Ungewöhnliches an Jörg von de Fenn: ein sportlich wirkender, junger Mann in T-Shirt und Jeans. Doch der erste, flüchtige Eindruck täuscht. Als der 31-Jährige wissen will, wie spät es ist, klappt er das Glas seiner Armbanduhr hoch und tastet nach den Zeigern. Jörg von de Fenn ist blind. Der Sport hilft ihm, mit seinem Handicap zu leben. Der Amendinger lernt unter anderem Jiu-Jitsu, besucht einen Tauchkurs und hat im vergangenen Jahr den Großglockner bestiegen.

Zehn Jahre ist es her, dass Jörg von de Fenn bemerkte, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmte. Er fuhr zum Arzt, bekam etwas verschrieben und sollte die Woche darauf wieder in die Praxis kommen. Dann ging alles ganz schnell. „Ich erblindete innerhalb von drei Wochen“, erzählt er. Für den damals 21-Jährigen brach eine Welt zusammen.

Die meisten Mediziner, die der gebürtige Krefelder in der Folgezeit aufsuchte, waren ratlos —  „Ich war in allen möglichen Uni- und Spezialkliniken“, berichtet er. Doch nirgendwo konnte eine genaue Diagnose gestellt werden. Erst Jahre später sei ein Tübinger Professor der Ursache auf die Spur gekommen. Er stellte fest, dass es sich um eine erblich bedingte Sehnerventzündung handelt.

Vor allem am Anfang sei es hart gewesen, erinnert sich der 31-Jährige: „Ich musste meine Kochausbildung abbrechen.“ In den ersten Jahren habe sich der Blindenbund um ihn gekümmert.

Jörg von der Fenn am Gipfelkreuz

Ab 1992 besuchte Jörg von de Fenn eine Blindenschule bei Würzburg. Dort ließ er sich zum Telefonisten umschulen, lernte Schreibmaschine schreiben und Punktschrift lesen. „Das war anfangs ziemlich nervenraubend“, erzählt er: „Man denkt, das schafft man nie.“ 1995 wurde in der Memminger Stadtverwaltung ein Telefonist gesucht. Von de Fenn bekam die Stelle.

Ein Jahr später schnupperte der damals 26-Jährige zum ersten Mal Bergluft. Sein Vater nahm ihn mit zum Wandern ins Großglockner-Gebiet. Jörg von de Fenn war begeistert. All die Jahre zog es ihn immer wieder in die Gegend. „Die Wege dort sind sehr gut ausgebaut“ , erklärt er. Und: „Das ganze macht einfach unheimlich viel Spaß.“

1998 lernte Jörg von de Fenn seine heutige Frau Gerlinde kennen. Die beiden heirateten 1999. Ihre Hochzeitsreise machten sie ins Großglockner-Gebiet. Im vergangenen Jahr vollbrachte der Bergfan seine bisher größte alpinistische Leistung. Zusammen mit seinem Freund Anton Ponholzer, einem Bergführer aus Kals, bezwang er den 3798 m hohen Gipfel des Großglockner.

„Das war ein ganzes Stück Arbeit“, meint der 31-Jährige. Durch Ponholzer gesichert, kletterte er über Felsen, überquerte steile Schneefelder, passierte schroffe Kanten und einen schmalen Grat. „Etwas Angst hatte ich schon“, gibt er zu. Und fügt mit dem für ihn so typischen trockenen Humor hinzu: „Mein Vorteil war, dass ich nichts sehen konnte.“

Als er schließlich auf dem höchsten Punkt des Berges stand, habe er sich gefreut wie ein kleines Kind. Obwohl und gerade weil er nichts sehen konnte.Ein Gipfelerlebnis der besonderen Art: „Das Gefühl, es geschafft zu haben, war überwältigend“, schwärmt von de Fenn, der davon träumt, irgendwann einmal auf dem Mont Blanc zu stehen.

Für seine Bergtouren hat Jörg von de Fenn mehrere Auszeichnungen erhalten. Aktiv ist er, der rund 350 CDs besitzt, oft zu Konzerten fährt, leidenschaftlich gern Musik hört und telefoniert, auch in anderen Sportarten. Er geht zweimal die Woche ins Fitness-Studio und macht einen Tauchkurs. Seit Anfang des Jahres besucht er eine Kampfsportschule, lernt Jiu-Jitsu. Damit er die verschiedenen Gürtel erwerben kann, hat sein Trainer Benedetto Scaturro die Regeln leicht verändert.

„Als sich Jörg bei mir meldete, war ich anfangs skeptisch“, sagt Scaturro, mehrfacher Weltmeister in der Disziplin Bruchtest. Ein Blinder und Kampfsport — das passte in seinen Augen zunächst nicht zusammen. „Aber es funktioniert hervorragend“ , so der Leiter der Schule. „Wir akzeptieren ihn, für uns hat er keine Behinderung“, betont er.

So akzeptiert zu werden, wie er ist — das wünscht sich von de Fenn sehr. „Ich bin nicht unglücklich darüber, blind zu sein. Ich bin unglücklich darüber, wie manche Menschen mit mir umgehen“, sagt der 31-Jjährige, der derzeit auf Arbeitssuche ist. Der Sport, die Erfolge, die er dort erzielt — und seien sie noch so klein —, bedeuten ihm viel. „Wenn man blind ist, fühlt man sich unvollständig. Man gilt sich selbst nicht mehr so viel“, sagt er. Der Sport gibt ihm ein Stück verlorene Freiheit zurück.

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