Vom Abenteuer, unterwegs zu sein

 Jörg von de Fenn hat etliche Berge bestiegen und war als Inlineskater mehrfacher Deutscher Meister über verschiedene Distanzen. Früher hat er Jiu-Jitsu gemacht, jetzt betreibt er eine Adaption von Ninjutsu, beides Selbstverteidigungssport arten. Die stärken auch das Selbstbewusstsein, meint der Wahl-Berliner. Er berichtet auch, was Herrendüfte mit Currywurst und Krimis mit Schlaftabletten zu tun haben. Von Jörg von de Fenn

 Ich bin mit 21 Jahren an LHON (Lebersche Hereditäre Optikus-Neuropathie) erblindet. Die ersten sechs Jahre bin ich von Klinik zu Klinik gefahren, und die Ärzte haben bloß einen kaputten Sehnerv gesehen, aber keiner wusste, warum. Erst in Tübingen haben sie es durch einen Gentest herausgefunden. Die Krankheit war damals kaum bekannt.

Als die Diagnose feststand, bin ich zum Wandern nach Osttirol gefahren. Einer der Bergführer hat mich angespitzt, er habe schon viele hochgebracht auf den Gipfel des Großglockners, aber noch keinen blinden Menschen. Es war richtiges Bergsteigen, und wir waren bis oben am Gipfelkreuz. Am Bergsteigen fasziniert mich die Ausdauer, die man braucht, also der Sport. Bei den größeren Touren, am Kilimandscharo und den  anderen Fünftausendern, waren wir eine Woche unterwegs. Das war abenteuerlich, aber man hat kaum Kletterabschnitte dabei. Das größte Abenteuer ist die Tour selbst, einfach, unterwegs zu sein.

Am Krater des Kilimandscharo

Auf dem Kilimandscharo war ich mit einem Kumpel, mit dem ich auch schon Wandererfahrung in den Oberstdorfer Bergen gesammelt hatte. Wir erreichten den höchsten Punkt, den Uhuru Peak auf 5.895 Metern Höhe, und standen oben am Krater. Mir sind die Tränen gelaufen.

Das war ein besonderes Erlebnis.                    

Auf dem Kilimandscharo sieht man immer Wandergruppen. Man muss ein bisschen klettern, aber sonst ist es zu schaffen. Als wir dort waren, war in einer anderen Gruppe eine Engländerin, die mussten sie wieder hinunterbringen, weil sie schon auf 2.000 Metern Kreislaufprobleme hatte.

Ich würde gern noch den Mont Blanc oder den Aconcagua besteigen. Aber der ist mittlerweile auch überlaufen, und für eine dreiwöchige Tour mit einem einheimischen Begleiter wollen sie 7.000 Dollar haben. Den letzten Berg habe ich 2012 bestiegen, das war der Ararat, der höchste Berg der Türkei, 5.165 Meter hoch.

 Jörg von de Fenn ist ein Stück einen steil aufragenden Berg hochgeklettert. Seine Hände umklammern Vorsprünge im Felsen. Er trägt ein Käppi, T-Shirt und Rucksack

Jörg von de Fenn ist ein Stück einen steil aufragenden Berg hochgeklettert. Seine Hände umklammern Vorsprünge im Felsen. Er trägt ein Käppi, T-Shirt und Rucksack.

Keine Angst beim Bergsteigen

Ich bin jemand, der einfach das machen möchte, was ihm Spaß macht, und wenn er nebenbei noch erfolgreich ist, ist es auch schön. Klar brauche ich  Ehrgeiz – was die Berge angeht, da musste ich schon mal die Zähne zusammenbeißen. Unser Gipfeltag am Ararat hat sechzehneinhalb Stunden gedauert, da sind wir nachts um eins los und waren am nächsten Nachmittag um halb sechs wieder unten.

An eine Situation beim Bergsteigen, die aufgrund meiner Blindheit gefährlich wurde, erinnere ich mich nicht. Die  anderen Leute hatten immer mehr Angst als ich. Nur die Österreicher nicht, die sind da schmerzfrei. Einmal wollte ich mit einem Bergführer auf die Blauspitze, und der meinte, bei dem, was ich alles gemacht hätte, wäre das kein Problem. Wenn ich so etwas in Deutschland versuche, dann kommen sie, wenn ihnen
gar nichts mehr einfällt, mit der Versicherung. Deswegen darf ich auch nicht  allein auf ein Kreuzfahrtschiff. Besoffen darf man über die Reling fallen, aber blind nicht. Da wundert man sich.

Den bekannten blinden Bergsteiger Andy Holzer habe ich auch kennengelernt. Er hat die „Seven Summits“, also die sieben höchsten Gipfel der sieben Kontinente, absolviert. Es war aber nie mein Ziel, die zu schaffen. Einige  reizen mich auch nicht. Wenn ich an die Carstensz-Pyramide denke: drei Tage blind durch den Urwald bei hundert  Prozent Luftfeuchtigkeit – nein danke.

Verein Pfeffersport „Selbstverteidigung inklusiv“

In Berlin betreibe ich beim Verein Pfeffersport „Selbstverteidigung inklusiv“, das ist eine Adaption von Ninjutsu, eine Kampfsportart, bei der ich gerade  meine ersten Schülergrade absolviere. Die Gruppe ist heterogen mit Rollstuhlfahrern und -fahrerinnen, Menschen ohne Behinderung, Menschen mit kognitiven Einschränkungen und mir. Wir lachen jede Menge und sind eine tolle Truppe. Zuvor hatte ich bereits an meinem früheren Wohnort im Allgäu in der Selbstverteidigungssportart Jiu-Jitsu meinen orangefarbenen Gürtel abgelegt.  

Selbstverteidigung stärkt auch das Selbstbewusstsein. Ich gehe hier in Berlin anders über die Straße als im Allgäu. Hier gehe ich gerade. Auf dem Dorf bin ich immer geduckt gegangen, damit mich ja keiner sieht. Es bestanden mehr Vorbehalte.

Seit 2020 kann ich auch wieder  Inlineskaten. Über Pfeffersport bin ich beim Verband gemeldet und freue mich, wenn ich ohne dem Corona-Virus geschuldete Einschränkungen wieder befreit Sport treiben kann.

Erfolgreicher Inlineskater

Jörg von de Fenn war im Inline skaten sehr erfolgreich: Er wurde in den Jahren 2007 und 2008 siebenmal Deutscher Meister bei den  blinden und sehbehinderten Skatern in der Schadensklasse B1 und Altersklasse 30, und zwar in den Disziplinen Speedskating auf der Bahn (Distanzen von 300 bis 3.000 Meter), Halbmarathon- und MarathonSpeedskating. In Berlin nahm er dreimal am Skater-Halbmarathon und zweimal am Skater-Marathon teil. Beide Veranstaltungen fielen in diesem Jahr coronabedingt aus. Jörg von de Fenn hätte sonst daran teilgenommen – sofern er eine Begleitperson gefunden hätte.

Morgens früh gehe ich normalerweise zwei- bis dreimal die Woche ins Fitnessstudio, ohne Begleitung. Wo die Geräte stehen, hat man mir gezeigt, und man hilft mir auch bei Fragen. Eine  Begleitperson zu finden, ist immer ein

Problem, egal, ob ich joggen gehe, Nordic Walking mache oder Inlineskating. Ich habe schon viel probiert, um Begleitläufer zu finden, zum Beispiel 5.000 Streichholzschachteln verteilt mit einem entsprechenden Text. Wenn ich eine Einkaufshilfe suche, ist spätestens die zweite Frage, was man bei mir verdienen kann. Ich habe eine andere Einstellung. Während meiner Kochlehre in einem Altenheim habe ich nach der Arbeit die älteren Herrschaften im Rolli an der Lahn entlanggefahren, und da war es mir schon peinlich, wenn man mir zwei Mark in die Hand gedrückt hat.

 „Ich koche immer noch gern“

Ich shoppe gern. In die Läden, die ich kenne, gehe ich allein. Ich habe zum Beispiel seit Jahren einen sehr guten  Herrenausstatter. Düfte habe ich viele, im Moment sieben Eaux de Toilette und vier Aftershaves. Wenn ich mir einen guten Duft gönne, gibt es halt eine  Currywurst weniger. Ich koche auch immer noch gern. Und ich höre gern Hörbücher. Je spannender es wird, desto schneller schlafe ich ein. Bei Krimis und Thrillern kann bei mir keine Schlaftablette mithalten. Wenn die 45er durchgeladen wird, schlafe ich am besten ein.

In Memmingen war ich fünf Jahre lang bei der Stadtverwaltung tätig, bevor ich im Januar 2011 nach Berlin gezogen bin. Mir haben andere Skater schon vorher die Nase lang gemacht, dass es hier bessere Trainingsmöglichkeiten geben würde. Ich habe mir mehr Chancen versprochen, was den Sport und die Begleitung angeht, aber es ist nicht so gut gelaufen.

Viele Jahre habe ich nur eine Erwerbsminderungsrente und Blindengeld bekommen, aber bald werde ich wieder als Telefonist arbeiten, diesmal bei einer Bundesbehörde. Es ist eine Vollzeitstelle mit Schichtdienst, und ich muss gucken, dass ich noch ins Fitnessstudio komme. Meine Erwerbsminderungsrente fällt  natürlich weg, darum haben die meisten auch gefragt: Wieso machst du denn so was? Ja, weil ich etwas tun will!

Ich bin zufrieden. Auch wenn es mit der Arbeit nicht geklappt hätte, wäre ich es, denn mit der Stelle habe ich nicht gerechnet. Es kommt immer darauf an, was man ausstrahlt. Wenn ich die ganze Zeit erzählen würde, wie arm ich dran bin, käme das auch wieder zurück. 

Jörg von de Fenn (51) lebt in Berlin.