Jörg von de Fenn im Porträt

Von Redakteurin Christiane Bernshausen

Der blinde Allround-Spitzensportler Jörg von de Fenn ist als Bergsteiger, Inlineskater und Kampfsportler (Selbstverteidigung) bekannt.1990 erkrankt, erhielt der heute 50-Jährige 1996 nach einem Gentest die Diagnose Lebersche Hereditäre Optikus-Neuropathie(LHON). Das Leben geht seitdem für ihn vor allem sportlich weiter: Seine Hobbys Bergsteigen, Inlineskaten und auch die Selbstverteidigung nehmen einen wichtigen Platz in seinem Alltag ein. Dabei ist er stets auf der Suche nach Trainingspartnern und Tandempiloten, die mit ihm zusammen die Herausforderungen meistern.

Gipfelstürmer

1999 bestieg der gebürtige Krefelder mit einem einheimischen Bergführer den Großglockner(3.798 Meter). Er war wohl damals der erste Blinde auf dem Gipfel des höchsten Berges in Österreich und suchte fortan nach weiteren Zielen. Aber es fehlten – wieso oft – die Begleiter. Im März 2009 schließlich gelang es, zusammen mit einem Freund aus dem Allgäu den höchsten Berg Afrikas, den Kilimandscharo (5.895 Meter) zu bezwingen. Drei Monate später, im Juni 2009,konnte der höchste Berg Europas auf der Liste abgehakt werden: Der Elbrus im Kaukasus ist ein ruhender Vulkan an der Grenze zwischen Russland und Georgien und misst 5.642 Meter (Westgipfel). Damit war auch der zweite der „Seven Summits“ bezwungen, den jeweils höchsten Bergen der Kontinente. Im August 2012 gelang der Aufstieg auf den Ararat, den mit 5.165 Metern höchsten Berg in der Türkei.

Sieben Mal Deutscher Meister

„Gemeinsam rollts“, so das Motto, wenn Jörg von de Fenn gemeinsam mit einem Begleiter auf Rollen unterwegs ist – und das ist er extrem erfolgreich: Insgesamt errang er in den Jahren 2007 und 2008 sieben Deutsche Meisterschaften bei den Blinden und Sehbehinderten in der Schadensklasse B1 und Altersklasse 30 in den Disziplinen Speedskating auf der Bahn (Distanzen: 300, 500, 1.000, 2.000 und 3.000 Meter), Halbmarathon (21,0975 Kilometer) und Marathon Speedskating über 42,195 Kilometer. Von 2010 bis 2012 war er drei Mal beim Halbmarathon in Berlin dabei und zwei Mal beim großen Berlin-Marathon Inlineskating (2010und 2011). Der Wahlberliner hat mittlerweile beim Berliner Verein Pfeffersport e. V. angeheuert, kann dort sowohl das Skaten als auch den Kampfsport betreiben. Der Verein gehört mit 4.500 Mitgliedern zu den größten Vereinen in Berlin, bietet zahlreiche Sportmöglichkeiten an (www.pfeffersport.de), darunter seit Ende der 1990er Jahre zahlreiche Inklusionssportgruppen. Allein in der Sektion „Bewegung Integrale“ trainieren mehr als1.400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Woche für Woche zusammen.

Von Jiu-Jitsu zum Ninjutsu

Als Kampfsportler hat von de Fenn an seinem vorherigen Wohnort im Allgäu Jiu-Jitsu praktiziert. In Berlin ist er nun zum Ninjutsu gewechselt. Beide sind mit dem Judo verwandte Selbstverteidigungstechniken und laut von de Fenn hervorragend für sehbehinderte und blinde Menschen geeignet. Im Dezember 2000 hat er den sechsten Grad(gelber Gürtel), und im März 2001 den fünften Grad (orangefarbener Gürtel) im Jiu-Jitsu erworben; er trainiert nun seit Juni 2019 im Pfeffersport-Kurs „Selbstverteidigung inklusiv“. Sein Ziel ist es auch hier, die Prüfungen zu bestehen und die ersten Schülergrade „Kyu“ im Ninjutsu zu erreichen. Von de Fenn wohnt seit neun Jahren in der Hauptstadt und trainiert auch noch nebenbei im Fitnessstudio. Seit fast 30 Jahren ist er von LHON betroffen, seit 2002 in der Erwerbsminderungsrente. Für seine sportlichen Herausforderungen ist er immer auf der Suche nach Begleiterinnen und Begleitern, die mit ihm trainieren, wandern oder verreisen .Wer Interesse hat, erreicht ihn unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Anm. d. Red.: Nach Redaktionsschluss ist bekannt geworden, dass Pfeffersport mit dem „Großen Stern des Sports" in Gold ausgezeichnet worden ist. Die Ehrung erhielten Vereinsvertreter aus den Händen von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Redaktion wünscht weiterhin viel Erfolg bei der „Mission Inklusion“.

 

 

Foto: In der Vertikalen – Jörg von de Fenn am Schuastagangl-Klettersteig in Österreich (© von de Fenn).

Der Schuastagangl ist ein Klettersteig an der Grenze von Bayern und Österreich, nahe St. Johann. Der Steig befindet sich an den kalkigen Westabbrüchen der Waidringer Steinplatte (1.869 Meter), bietet steile Aufschwünge und einige Leiterpassagen

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